Kaum ein Gericht zeigt so schön, wie eng die Küchen des Nahen Ostens miteinander verwoben sind wie der Falafel. Und kaum ein Gericht sorgt gleichzeitig für so leidenschaftliche Diskussionen: Wer hat den Falafel erfunden? Wem „gehört“ er? Und vor allem: Wo gibt es den besten Falafel der Region?
Besonders bemerkenswert ist dabei eine moderne Debatte: Ausgerechnet Israelis wird abgesprochen, Falafel als Teil ihrer Esskultur zu betrachten. Dabei haben sie im Grunde genau das getan, was Menschen überall auf der Welt seit Jahrhunderten tun: Sie haben ein Gericht übernommen, weiterentwickelt und an den eigenen Geschmack angepasst.
Genau so entstehen Küchen. Kulinarische Traditionen sind keine Museumsstücke hinter Glas, sondern lebendige Geschichten von Begegnung, Migration und Austausch.
In Deutschland würde schließlich auch niemand ernsthaft einen „Schwaben-Döner“ mit Spätzle verbieten wollen, nur weil der klassische Döner ursprünglich aus einer anderen Region stammt. Niemand regt sich über eine Brezelpizza auf, obwohl weder Pizza noch Brezel ursprünglich aus Deutschland kommen. Ein Sandwich sieht heute weltweit völlig unterschiedlich aus – und sicher nicht mehr so, wie es sich Lord Sandwich im 18. Jahrhundert vorgestellt hat. Und bei der großen Flammkuchen-Frage „Deutsch oder französisch?“ würde man schnell feststellen: Die Antwort ist komplizierter als ein knuspriger Teigboden mit Speck und Zwiebeln. Kulinarische Grenzen verlaufen selten entlang politischer Grenzen.
Warum sollte also ausgerechnet beim Falafel gelten, dass die israelische Küche ein Gericht nicht verändern, übernehmen und zu einem Teil ihrer eigenen Identität machen darf?
Falafel – schon der Name erzählt eine Geschichte
Auch der Name selbst trägt die Geschichte verschiedener Kulturen in sich. Das Wort Falafel stammt aus dem Arabischen „falāfil“ (فلافل) und wird sie mit dem arabischen Wort „filfil“ (فلفل) in Verbindung gebracht, das „Pfeffer“ oder „Gewürz“ bedeutet und aus dem koptisch-ägyptischen Sprachraum stammt. Wie beim Falafel selbst zeigt sich also bereits im Namen: Sprache, Kultur und Küche entstehen nicht in abgeschotteten Räumen, sondern durch Begegnungen.
Eine Reise durch die Geschichte des Falafels
Die genaue Herkunft des Falafels ist bis heute nicht vollständig geklärt. Wie bei vielen beliebten Gerichten gibt es verschiedene Erzählungen – und natürlich beanspruchen mehrere Länder die Erfindung für sich.
Die weit akzeptierte Theorie führt den Falafel nach Ägypten. Dort entstand im 19. Jahrhundert ein Gericht namens Ta’amiya, das aus zerstoßenen Ackerbohnen (Favabohnen) hergestellt wurde. Koptische Christen suchten während der Fastenzeit nach einer nahrhaften Alternative zu Fleisch und stellten kleine frittierte Bällchen aus Favabohnen und Gewürzen her. Dieses Gericht verbreitete sich und wurde schnell zu einem beliebten und günstigen Straßenessen In Ägypten.
Von Ägypten aus verbreitete sich das Gericht weiter in den östlichen Mittelmeerraum. Im heutigen Libanon, Syrien, Jordanien und Israel entstanden eigene Varianten. Während in Ägypten traditionell Favabohnen verwendet werden, setzte sich in vielen Teilen der Levante die Kichererbse durch. Dazu kamen Kräuter wie Petersilie und Koriander, Knoblauch, Kreuzkümmel und weitere Gewürze.
Und damit begann die große Falafel-Debatte.
Der Nahe Osten und die ewige Frage: Wer macht den besten Falafel?
Es gibt Fragen, bei denen eine sachliche Antwort kaum möglich ist. Wer hat die beste Fußballmannschaft? Welches Land macht den besten Kaffee? Und im Nahen Osten: Wer macht den besten Falafel? Die Antwort hängt vermutlich davon ab, wen man fragt.
Ein Ägypter wird auf die lange Geschichte der Ta’amiya mit Favabohnen verweisen. Ein Libanese oder Syrer wird die perfekte Mischung aus Kichererbsen, Kräutern und Gewürzen verteidigen. Ein Jordanier wird auf die eigene Tradition schwören. Und ein Israeli wird vermutlich erklären, dass der beste Falafel natürlich dort zu finden ist, wo er gerade frisch aus der Fritteuse kommt – knusprig außen, weich innen, mit Tahini, Salat und eingelegtem Gemüse in einer warmen Pita.
Genau diese leidenschaftlichen Diskussionen zeigen aber auch etwas Spannendes: Falafel ist längst mehr als nur ein Rezept. Er ist ein Stück Alltagskultur, ein Zeichen von Heimat und Erinnerung – und gleichzeitig ein Beispiel dafür, wie sehr sich Küchen gegenseitig beeinflussen.
Falafel und die israelische Küche
Der israelische Falafel ist keineswegs „aus dem Nichts entstanden“. Er ist Teil eines kulturellen Austauschs, der die gesamte Region geprägt hat. Jüdische Einwanderer aus arabischen Ländern brachten ihre kulinarischen Traditionen mit: aus dem Jemen, Irak, Syrien, Nordafrika und anderen Regionen. Gleichzeitig übernahmen jüdische Gemeinschaften im damaligen Palästina viele Gerichte ihrer arabischen Nachbarn und entwickelten daraus eine eigene Küche.
Der israelische Falafel, wie man ihn heute kennt, wird meist aus Kichererbsen hergestellt und mit Salat, eingelegtem Gemüse, Tahini und scharfer Sauce in einer Pita serviert. Er gehört längst zum Alltag – vom kleinen Straßenstand auf der Dizengoff in Tel Aviv bis zum Restaurant in Jerusalem. Oder bei Dominion food revolution in Frankfurt.
Falafel kennt keine Grenzen
Heute steht der Falafel in zahlreichen Ländern auf der Speisekarte. In Israel, Ägypten, Libanon, Syrien und Jordanien gehört er zur Alltagsküche. Auch in der Türkei, den Golfstaaten und Teilen Nordafrikas findet man unterschiedliche Varianten.
Durch Migration hat der kleine Falafel längst eine weltweite Karriere gemacht. In Europa ist er aus Städten wie Berlin, Paris oder London kaum mehr wegzudenken. In Deutschland wurde er durch verschiedene Einwanderungsgruppen populär und gehört heute selbstverständlich zum kulinarischen Angebot vieler Restaurants.
Auch in den USA, Kanada und Australien ist der Falafel längst etabliert – als vegetarisches Street Food, als vegane Alternative und als Beispiel dafür, wie ein Gericht Grenzen überwinden kann.
Eine Kugel, viele Geschichten
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Schönheit des Falafels: Er gehört nicht nur einer einzigen Gruppe. Er erzählt von Handel, Migration, Nachbarschaft und gegenseitiger Inspiration.
Ein Gericht kann ägyptische Wurzeln haben, in der Levante weiterentwickelt werden, Teil der israelischen Küche sein und gleichzeitig in Berlin, Paris oder New York eine neue Heimat finden.
Die spannendere Frage ist deshalb nicht: „Wem gehört der Falafel?“
Sondern: „Was erzählt uns der Falafel über Menschen und ihre Fähigkeit, Kultur miteinander zu teilen?“
Denn manchmal passt in eine kleine frittierte Kugel mehr Geschichte als in ein ganzes Geschichtsbuch.